Monthly Archives: Juli 2019

Italien und Frankreich: Hungerstreiks, Ausbrüche und Revolten in den Internierungslagern

übersetzt von cracher dans la soupe

Am Abend des 07. Juli ist im CPR Brunelleschi in Turin eine Person gestorben. Ihr Tod wurde erst am nächsten Morgen bemerkt. Nach einer Vergewaltigung im Internierungslager und den Verletzungen, die sie dabei erlitt, verlangte sie nach medizinischer Behandlung. Als Antwort wurde sie in Isolation gesteckt. Mit angeschlagener Gesundheit (physisch und mental) war sie mehr als zehn Tage in dieser 40° heissen Zelle mit gerade einmal einem Liter Wasser pro Tag eingesperrt.
Andere Gefangene des Lagers haben in den Tagen nach dem Vorfall die Aggressoren konfrontiert. Einer dieser Aggressoren wurde später abgeschoben, der andere verhaftet.

Nachdem die Nachricht ihres Todes die Runde machte, begingen die Inhaftierten mit einer Reihe an Protestaktionen: Essensverweigerung und Chaos über den ganzen Tag (mehrere Matratzen wurden angezündet). Anlässlich einer Solidaritätskundgebung vor dem Lager, konnte man Rauchsäulen über dem Lager aufsteigen sehen und Rufe der Gefangenen hören. Die Bullen sind mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern eingeschritten, um die Revolte im Inneren niederzuschlagen. Die Proteste dauerten mehrere Tage an.

Gemäss den letzten Informationen befinden sich alle Gefangenen in einem Hungerstreik.


Erst vor einem Monat wurde die Männerabteilung im CPR Ponte Galeria in Rom wiedereröffnet. Nun wurde sie auf die schönste aller Arten eingeweiht: Zwischen dem 5. und 6. Juli brach eine Revolte aus. Mehrere dutzend Gefangene griffen das Mobiliar an, zündeten Matratzen an und versuchten auszubrechen. 12 Personen ist der Ausbruch schliesslich gelungen. Andere wurden vor Ort wieder verhaftet und eingeseperrt.


Im CPR von Caltannissetta auf Silzilien haben 72 Personen einen Hungerstreik für mehrere Tage durchgeführt, um gegen die Abschiebung von 18 Personen nach Tunesien und gegen die Internierung zu protestieren. In den letzten Monaten versuchten die Gefangenen immer wieder, sich den Abschiebungen zu widersetzen. Am 03. Februar, 23. Januar und 28. Dezember kam es zu Revolten und Ausbruchsversuchen. Nach der Revolte vom 09. Dezember 2017, bei der drei Abteilungen vom Feuer verwüstet wurden, war das Lager wegen Sanierungsarbeiten bis im Dezember 2018 geschlossen. Fünf Personen wurden nach der Brandstiftung wegen “Verwüstung und Plünderungen” verhaftet. Einer davon wurde zu 10 Jahren verurteilt.


Am 08. Juli zündeten Gefangene im Gebäude 1 des CRA von Vincennes, Frankreich, eine Zelle an, um gegen ihre Inhaftierung und die Bedingungen im CRA zu protestieren.

Auszüge übersetzt von a bas les cra

“Wir haben ein Feuer gelegt. Danach waren wir bis am Abend im Innenhof. Sie behandeln uns hier wie Hunde, sie respektieren uns nicht, reden schlecht über uns. Wir haben keine Rechte gegenüber der Polizei. Die Polizei beschimpft uns. Vor ein paar Tagen hat mich ein Polizist gefilmt und ich habe ihm gesagt, er solle damit aufhören, dass er kein Recht dazu hat, dass wir keine Affen sind. Er filmt, um die Aufnahmen auf seinem Facebook-Profil zu veröffentlichen, um dann darüber zu lachen. Der Polizist meinte, dass wir sicher Affen seien.

Für sie sind wir wie Tiere, wir können nichts machen. Sie schlagen uns und wir müssen unsere Klappe halten. Wenn wir uns wehren, kommen wir ins Gefängnis und werden schneller abgeschoben. Aspham (Betreiberin des CRA von Vincennes), die Richter und die Bullen arbeiten alle zusammen.

(…)

Es ist eine Qual hier, nur Probleme, niemand lacht. Wir wissen nicht, wann wir rauskommen oder abgeschoben werden. Das CRA ist wie eine Gefängnisstrafe.”


Seit dem 02. Juli befinden sich die Inhaftierten des CRA Saint-Exupéry in Lyon in einem Hungerstreik, um ihre Inhaftierung anzuprangern.

Schweiz: Haftantritt eines Gefährten

gefunden auf barrikade

Am 15 Juli wird unser anarchistische Gefährte eine Haftstrafe antreten. Das Schweizer Bundesgericht hat Anfang des Jahres 2019 das Urteil des Appellationsgerichts in Basel von 18 Monate unbedingter Haft wegen „qualifizierter Sachbeschädigung“ und „Gewalt und Drohung gegen Beamte“ bestätigt. Die beiden Vorfälle ereigneten sich in den Jahren 2010 und 2013.

Bei dem Gefährten stehen nebendem noch weitere Strafverfahren an.

Weitere Texte zum genannten Verfahren findet ihr beim untenstehenden Link.
https://barrikade.info/article/909 (Aufruf zum Prozess)
https://barrikade.info/article/957 (Nachtrag)
https://barrikade.info/article/962 (Plakat)

Diejenigen, die gegen diese Welt der Mächtigen kämpfen, ihnen auf den Zehen rumtreten oder der Gesellschaft lästig sind, stehen immer unter der Bedrohung der staatlichen Einsperrung. Der Knast kann eine reale Konsequenz sein, wenn wir unsere anarchistische Ideen leben und verwirklichen wollen. Auch wenn wir diese Bedrohung in unserem Alltag unterschiedlich beissend verspüren und wir unterschiedlich damit umgehen, zeigt sie sich immer wieder in ihren verschiedenen Formen.

Der Haftantritt kommt nicht aus dem Nichts. Menschen mussten und müssen sich konkret mit den praktischen Auswirkungen des Knastes konfrontieren und darin Entscheidungen treffen.
Auch er, der sich bis anhin (meistens) auf freien Fuss befand, stand vor dieser Herausforderung. Und er steht damit nicht allein da, täglich werden Menschen in die verschiedensten Formen der Einsperrung oder Klandestinität gedrängt. So befindet sich beispielsweise ein weiterer Mitstreiter seit Monaten in der Untersuchungshaft in Zürich, andere warten auf die Weiterführung des Verfahrens der „Basel 18“, wo ebenfalls hohe Strafen ausgesprochen wurden. Auch jenseits der Alpen sind zahlreiche Anarchist*innen bei fünf Operationen vom Staat entführt worden. Im Norden wird seit Wochen über die Mittäterschaft einiger Individuen am Protest gegen den G20-Gipfel 2017 verhandelt.

Staatliche Repression gegen Subversive hat viele Ziele. Eines davon ist wohl, dass die Repression ihre Gegnerschaft in eine isolierte Position auf dem sozialen Kampfterrain treiben will und sich der Konflikt in einen exklusiven Kleinkrieg, zwischen dem Staat und seinen Kontrahent*innen, entwickeln kann.

Um diesem Mechanismus entgegen zu treten, können wir Netze bilden, einen diffusen und unberechenbaren Kampf gegen diese scheussliche Welt aufnehmen und weiterführen. Solidarisches Handeln geht über jeden Knast hinaus und beschränkt sich nicht nur auf unsere eingeschlossenen Gefährt*innen.

In der Vergangenheit sowie in der Zukunft hat die individuelle Unterstützung eine wichtige Bedeutung für die Betroffenen, damit sie ihre projektuellen Ideen umsetzen können, damit sie existenziell und sozial nicht untergehen.

Solidarität kann in tausenden Formen Gestalt annehmen. Denken wir sie jenseits von Personifizierungen, sondern als weiteres Mittel um die soziale Isolierung zu durchbrechen.

Handeln wir selbstbestimmt, direkt & kreativ!

Leipzig, Deutschland: Hunderte demonstrieren gegen Abschiebung – Polizei setzt Pfefferspray ein

gefunden auf welt.de

In Leipzig haben Menschen in der Nacht zu Mittwoch (10.07.19) versucht, eine Abschiebung zu verhindern. Die Situation spitzte sich zu. Steine und Bierflaschen flogen auf Polizisten; die setzten Pfefferspray ein.

In Leipzig ist eine geplante Abschiebung aus dem Ruder gelaufen. Etwa 500 Menschen haben in der Nacht zu Mittwoch teils gewaltsam gegen die Abschiebung eines Mannes demonstriert. Durch Stein- und Flaschenwürfe aus der Menge seien elf Beamte verletzt worden, teilte Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) am Mittwoch mit. Zudem seien drei Einsatzfahrzeuge beschädigt worden. Wöller verurteilte die Geschehnisse scharf. Er sei entsetzt darüber, „mit welcher Wut und Gewalt die Polizeibeamten bei ihrer Arbeit bedroht und angegriffen wurden“, sagte der Innenminister.

Der Protest begann nach Polizeiangaben am Dienstagabend im Stadtteil Volkmarsdorf, wo sich eine Gruppe von etwa 30 Menschen der Abschiebung entgegengestellt und den Einsatz blockiert habe. Zu einer spontan angemeldeten Demonstration gegen die Abschiebung kamen im Laufe der Nacht immer mehr Menschen, wie ein Polizeisprecher sagte. Der Mann, für den die Menschen auf die Straße gegangen waren, sei trotz der Blockade weggebracht worden.

Laut Polizei war die Versammlung um 1.30 Uhr offiziell beendet. Einsatzkräfte der Polizei und ihre Fahrzeuge wurden den Angaben zufolge aber weiterhin blockiert. Als die „eingeschlossenen Kollegen und Funkstreifenwagen“ versucht hätten wegzufahren, seien die Polizisten „attackiert“ worden, erklärte die Polizei. Es seien Bierflaschen und Steine gegen die Polizisten geworfen worden. Die Beamten hätten Pfefferspray eingesetzt. Im Netz gab es Kritik am Vorgehen der Polizei.

„Situation eskaliert völlig“

Der Grünen-Politiker Jürgen Kasek, der nach eigenen Angaben selbst vor Ort war, sprach auf Twitter von mehr als 300 Menschen und mehr als zehn Einsatzwagen der Polizei. Ein Foto zeigte, wie die Straße mit Sofas und weiteren Möbeln blockiert wurde.

Kasek schrieb auf Twitter: „Situation eskaliert völlig, Flaschen fliegen durch die Luft. Tränengas in der Luft.“ Die Straße sei mit Müll und Scherben übersät. Er berichtete davon, dass mehrere Menschen verletzt worden seien. Unklar war, ob es Festnahmen gab. Kasek schreibt auf seinem Blog, bei dem Mann, der abgeschoben werden sollte, handle es sich um einen kurdischen Syrer, der über Spanien eingereist sei und nun in das EU-Land geflogen werden solle.

Gegen 3 Uhr nachts hieß es auf dem Twitter-Account der Polizei, die Situation habe sich beruhigt. Wer Einsatz- und Rettungskräfte behindere „oder gar mit Steinen und Flaschen bewirft, gefährdet Menschenleben und greift unseren Rechtsstaat an“, betonte der Innenminister. Die Verantwortlichen würden nun zügig ermittelt und hart bestraft, sagte er.

Saronno, Italien: Bankomat flambiert

übersetzt von ilsaronno.it, via round robin

Donnerstagnacht (11.0719) gegen 2 Uhr 30 bemerkten Passanten den brennenden Bankomaten im Quartier Prealpi in Saronno. Der Bankomat erlitt Totalschaden. Der Spruch “Silvia, Anna, Nat libere” wurde mit schwarzer Farbe auf eine Scheibe gesprüht.

Aufgrund der Rauchentwicklung war die Bankfiliale den ganzen nächsten Tag über geschlossen.

Die Bankfiliale wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach mit Farbe oder Hämmern angegriffen.

Barcelona, Spanien: Zwei Autos von Prosegur angezündet

übersetzt von contra madriz

Barcelona. Morgen am 04/07/19. Zwei Fahrzeuge des Unternehmens Prosegur (Anm.d.Ü.: privates Sicherheitsunternehmen) an der Avenida Vilanova angezündet.
Ein glühender Gruss an alle Unbezähmbaren gegen die Gefängnisse und die Knastgesellschaft, im Speziellen an Anna, Silvia und alle Gefährt*innen, die sich dem kürzlich beendeten Hungerstreik angeschlossen haben. Ein Gruss auch an die Gefangenen im Spanischen Staat.

Nichts ist vorbei, alles geht weiter!

Madrid, Spanien: Auto eines Immobilienunternehmens in Flammen

übersetzt von contra madriz

In der Nacht vom Donnerstag (04.07.19) auf Freitag wurde ein Auto eines Immobilienunternehmens den Flammen übergeben. Dies ist eine Antwort auf die Räumungswelle, die insbesondere in Carabanchel und der Stadt im Allgemeinen stattfindet. Die Räumungen müssen beantwortet werden, anonym, kommuniziert oder nicht, und gezielt gegen die Interessen der Spekulanten und des Staates gerichtet.
Für die Vervielfältigung des Angriffs!

Dieser Angriff ist auch ein Zeichen der Komplizenschaft und Solidarität mit Anna und Silvia, die zusammen mit anderen italiensichen Gefährt*innen eine starke Position gegeüber dem Gefängnissystem bewahrt haben.

Es lebe die Anarchie

Einige unkontrollierbare Vandalen

Mesnil-Amelot, Frankreich: Feuer im Internierungslager

übersetzt von a bas les cra

26.06.19 – Die Revolten in den Internierungslagern gehen weiter! Vor ein paar Wochen wurde das Gefängnis für Ausländer*innen von Oissel in der Nähe von Rennes teilweise zerstört. Ende letzter Woche brach im CRA2 von Mesnil-Amelot eine Revolte aus. Resultat: das ganze Gebäude 9 des CRA2 hat gebrannt.

Letzten Samstag gab es in mehreren Städten (Sète, Marseille, Rennes, Toulouse und Paris) Versammlungen gegen die Internierungslager und in Solidarität mit den Gefangnen von Rennes, die angekagt sind, das Feuer im Lager verursacht zu haben.

Seither ist die Präfektur mit der Repression beschäftigt: Abschiebungen am Morgen nach dem Feuer, Überstellungen in andere Internierungslager, Polizeigewahrsam, Prozessandrohungen.

Einige Stimmen von Gefangenen zu den letzten Revolten:

“Es war in der Nacht gegen 23 Uhr. Alle haben es gesehen. Sie waren im Fernsehzimmer und haben Matratzen und Leintücher gebracht. Einige wollten sie aufhalten, aber sie wollten nicht hören. Anschliessend wurden die Sachen angezündet. Später kam die Feuerwehr. Gestern wurde ich für 3 oder 4 Stunden in Polizeigewahrsam genommen, danach haben sie mich in ein anderes Lager überstellt.”

“Ich kann dir sagen, weshalb sie das gemacht haben. Es ist wegen den Mitarbeitern, die immer schlecht über uns reden, die uns schlagen. Manchmal kommen sie früh am Morgen und sagen, wir müssen das Gebäude verlassen. Für die Reinigung sagen sie, aber danach stinkt es überall… Es ist ein Chaos. Man muss es gesehen haben, um es glauben! Das Essen.. das Essen.. Jeden Tag Fisch. Eines Tages war der Fisch verfallen. Sogar das Wasser hier ist widerlich. Und nun mit der Sonne.. “

“Vor dieser Revolte kam es bereits zu Kämpfen. Zum Beispiel während einer Woche während dem Ramadan. Vor allem bei den Marokkanern und Algeriern. Eine Woche war es ziemlich hitzig! Wir haben nicht einmal die Ätzte gesehen, denn hier sind das Polizisten und nicht Ärtzte.

Aber dieser Streik hat zu nichts geführt. Die Polizisten waren noch gewalttätiger. Sie haben bei nichts nachgegeben, nicht einmal was die Sauberkeit auf den Toiletten angeht. Nach dem Brand haben sie den ganzen Block geleert.”

“Es ist die Fortsetzung der Kolonisation. Und sie nennen es Menschenrechte…”

“Es gab eine Familie mit Kindern. Die Eltern hatten eine Behinderung. Sie wurden wieder freigelassen, aber dennoch, sie haben sie in einem Lager eingesperrt! Weshalb? Weil sie nicht die richtigen Papiere hatten.”

Italien: Ende des Hungerstreiks von Silvia und Anna gegen das Gefängnis L’Aquila

gefunden auf barrikade

Am 28. Juni 2019, nach 31 Tagen, beendeten Anna und Silvia offiziell ihren Hungerstreik. Zusammen mit ihnen hat Natasha (Operazione Prometeo) auch wieder angefangen zu essen, und wahrscheinlich wird Marco es tun, sobald er die Mitteilung erhält.
Silvia wurde in das Gefängnis von Vallette (Turin) gebracht, um am Dienstag, den 2. Juli, an einem Prozess wegen einer Räumung in Turin teilnehmen zu können.
(siehe https://insuscettibilediravvedimento.noblogs.org/post/2019/06/30/it-torino-italia-2-07-2019-presenza-solidale-in-aula/ )

Anna und Natasha werden sich einen Protest anderer Gefangener anschliessen, der momentan in der Abteilung 41bis im Gange ist: mit Plastikflaschen gegen die Gitterstäbe zu schlagen.
Anna und Silvia hörten seit einiger Zeit jeden Tag ein Trommeln. Das erste Geräusch war das einer Plastikflasche – denn Metallgegenstände können nicht in der Zelle aufbewahrt werden -, die immer wieder gegen die Gitterstäbe der Zelle geschlagen wurde. In den folgenden Tagen wurde das Schlagen ein richtiger Chor und zu einem täglichen Ritual. Es findet jeden Tag von 12 bis 12:30 Uhr statt und wird sicherlich von fast allen weiblichen Gefangenen solidarisch ausgeübt, über die Teilnahme der männlichen Gefangenen hingegen haben wir noch keine genauen Nachrichten.


Über den Link auf Barrikade findet ihr eine Übersicht über die verschiedenen repressiven Operation gegen Anarchist*innen in Italien.

Basel: 3 Rosen gegen Grenzen: Besetzung der Dreirosenanlage

gefunden auf barrikade

Weit über 500 Personen haben am vergangenen Wochenende an der Besetzung der Dreirosenanlage in Basel teilgenommen, um ihren Widerstand gegen die neuen Bundesasyllager, das Bässlergut-Gefängnis, die EU-Aussengrenzen und Racial Profiling sichtbar werden zu lassen. Während zwei Tagen wurden Veranstaltungen, Workshops, Diskussionen, Konzerte uvm. organisiert. Die Wahl des Ortes ist alles andere als zufällig…

So what they are trying to say is ’I welcome you in my country but you have to follow my rules, you have to obey and then you will be welcomed. However, you are not yet welcomed until I say so’.
Journal «Gegen Lager», Mai 2019.

In Basel lebt es sich gut. Die aufgeschlossene Stadt am Dreiländereck zeichnet sich durch ein buntes Kulturleben, relativ viel Sonne sowie das sommerliche Rheinvergnügen aus. Traditionsbewusst und modern zugleich, verbindet Basel altes Handwerk mit zeitgenössischer Kunst und hat auch wirtschaftlich viel zu bieten. Die Produkte der drei Multis Novartis, Roche und Syngenta finden den Weg in alle Welt. Die Stadt ist bescheiden und doch von globaler Bedeutung, ganz die Metropole im Taschenformat, wie Basel Tourismus titelt. Es ist die Stadt des Daigs, dieser charmant dezenten Oberschicht, die ihren im Laufe der Geschichte angehäuften Reichtum vorzugsweise in Kultur und Kunst steckt und soziale Verantwortung übernimmt. Deshalb ist die Stiftungsdichte in Basel auch überdurchschnittlich hoch und die Verbundenheit der Basler Gesellschaft zu ihrer culture unlimited stark.

Dieses positive Selbstbild von Basel wird laufend und von verschiedenen Seiten her (re-)produziert. Regierung, Unternehmen, Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie Medien und Einzelpersonen feilen stetig daran. Doch die Erzählung einer offenen, toleranten und sozialen Stadt Basel ist das Konstrukt aus einer ganz bestimmten Perspektive heraus. Aus der Perspektive jener, die in der Stadt Sicherheit geniessen und (denken, dass sie) mitbestimmen.

Perspektivenwechsel
Versuchen wir einen anderen Blickwinkel einzunehmen und zoomen wir in eine globale Perspektive. Dann liegt Basel zuallererst in jenem Teil der Welt, dessen hoher Lebensstandard auf der Kolonialisierung und der Ausbeutung anderer Weltregionen basiert. Ob wir wollen oder nicht, profitieren wir Basler*innen von den globalen Ungleichheiten: Sei es durch die Steuereinnahmen aus multinationalen Konzernen mit Hauptsitz in Basel oder durch den Konsum von Gütern, die anderswo auf der Welt unter miesesten Bedingungen produziert werden.
Stellen wir den eigenen Blick scharf, dann werden die Schieflagen der globalen Verhältnisse in Basel sehr wohl sichtbar. Die Widersprüche zwischen reich und arm, zwischen privilegiert und diskriminiert verlaufen klar entlang von Herkunft und Papieren und ziehen sich durch die ganze Gesellschaft. Wir erahnen sie in den Gefängnissen, welche in der Schweiz zu 70% mit Menschen ohne schweizer Pass gefüllt sind. Wir erleben sie bei der Arbeit und in der Schule, wo Menschen aufgrund von Hautfarbe, Namen oder Sprache Ablehnung erfahren; wir nehmen sie im öffentlichen Raum wahr. Besonders deutlich zeichnen sich die gesellschaftlichen Bruchstellen an jenen Orten ab, die sich in einem Prozess der Aufwertung befinden und die auf Kosten der Unterschicht für eine gehobene Mittelschicht attraktiv gemacht werden. Das ursprüngliche Umfeld von Prekären, Papierlosen und Randständigen wird immer mehr zum Tummelplatz für Liebhaber*innen des hippen Lebensgefühls und kultureller Abenteuer. An solchen Orten prallen die sozialen Widersprüche aufeinander – auch auf der Dreirosenmatte.

Unser kleiner Quartierpark?
Die Dreirosenmatte befindet sich zwischen den beiden traditionellen Arbeiter*innenquartieren Matthäus und Klybeck, die migrantisch geprägt sind, ausserhalb des Zentrums liegen und in denen Menschen mit niedrigerem Einkommen ihr Zuhause hatten oder noch haben. Seit einigen Jahren nimmt hier eine äusserst profitorientierte Stadtentwicklung ihren Lauf. Das Projekt klybeckplus schreibt sich zwar Lebendigkeit und Vielfalt auf die Fahne, gestaltet das Quartier aber an den Bedürfnissen der Bewohner*innen vorbei. Es wird ein Lebenswandel angestrebt, den sich viele nicht leisten können. Nichts täuscht darüber hinweg, dass es sich bei klybeckplus um eine Planung ’von oben’ handelt. So hat die Miteigentümerin Novartis ihren Anteil Ende Mai 2019 an eine Investor*innen-Holding verkauft. Das offizielle Basel hat es dadurch verpasst, das Land selber zu kaufen, um so einen Spekulationsdeal zu verhindern.

Mobilität als Privileg
Wer sich auf der Dreirosenmatte aufhält, vergisst schnell den immensen Waren- und Personenstrom, der gleich nebenan vorbeidonnert. Mit der Fertigstellung der sogenannten Nordtangente im Jahr 2007 ist die Autobahn unter die Erde verschwunden. Erahnen lässt sie sich nur dort, wo sie den gläsernen Bauch der Dreirosenbrücke passiert. In der Glasfassade schimmern der Rhein und die LKWs gleichzeitig – eine perfekte Inszenierung von Ruhe, Gelassenheit und scheinbarer Transparenz.
Die weltweite Mobilität, wofür die Dreirosenbrücke ein Symbol ist, verläuft keineswegs nach neutralen Regeln. Vielmehr wirken schmutzige Abkommen und ein sehr selektives System von Grenzen. Waren sind grundsätzlich erwünscht. Selbst Waffen passieren Grenzen problemlos und finden den Weg in Kriegsgebiete. Für Menschen hingegen, die beispielsweise aus denselben Kriegsgebieten flüchten, sind die Grenzen geschlossen. Menschen werden anhand ihrer Verwertbarkeit kategorisiert und mit entsprechenden Reisepapieren ausgestattet oder eben nicht. Mauern, Zäune und Grenzwachen sollen ’die Einen’ aus der Festung Europa raushalten, während ’die Anderen’ ihre eigene Mobilität als selbstverständlich annehmen und dementsprechend zelebrieren.

Doch vielerorts auf der Welt haben Menschen diesbezüglich nicht einmal in Ansätzen eine Wahlfreiheit. Weder die Näherin, die in einer Textilfabrik in Bangladesch 60 Stunden wöchentlich jene Kleider produziert, die bei uns als Sommermode von H&M oder Zara durch die Strassen flanieren, noch die minderjährige Goldminenarbeiterin aus Burkina Faso, noch der brasilianische Feldarbeiter, der mit giftigen Pestiziden von Syngenta seine Gesundheit ruiniert, haben die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Menschen aus Regionen des globalen Südens wird die Chance aufzubrechen und an einem neuen Ort ankommen zu dürfen, fundamental verweigert. Sei dies an den EU-Aussengrenzen oder in der Schweiz durch Entrechtung, Isolation und Abschiebung.

Repression und Verwaltung – Asyllager in der Schweiz
Nicht nur in entfernten Weltregionen, auch in der Schweiz und in Basel sind Ungleichheiten hautnah spürbar. Besonders in der Migrationspolitik nehmen Rücksichtslosigkeit und Repression zu. Das Ausschaffungs- und Strafgefängnis Bässlergut und die im Frühjahr 2019 in Kraft getretene Asylgesetzrevision sind Ausdruck davon. Eines der neuen Bundesasylzentren wird momentan in Basel fertiggebaut. Bundesasylzentrum ist dabei bestenfalls ein Euphemismus für ein isoliertes Lager, das abgelegen, unmittelbar an der Grenze zu Deutschland und abseits des gesellschaftlichen Lebens steht. Das Bundesasyllager ist das neueste Produkt einer sich stets verschärfenden Asylpolitik und bedeutet einen weiteren tiefgreifenden Einschnitt in die Leben der Betroffenen.
Es ist ein Ort der Fremdbestimmung und Entmächtigung. Das zermürbende Innenleben der Bundesasyllager lernen nur die Menschen kennen, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellen. Ohne Rücksicht auf traumatische Erfahrungen in ihrer Vergangenheit und auf der Flucht, werden sie hier nicht aufgenommen, sondern verwaltet und dabei massiv in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dies mit dem Ziel, das Asylverfahren zu zentralisieren, Migrant*innen zu isolieren und einfacher in die Kategorien ’erwünscht’ und ’unerwünscht’ ­einteilen zu können, um sie dann schneller und effizienter wieder loszuwerden. Überhaupt beginnt die Ausgren­zung aus der Gesellschaft für viele, bevor sich die zweifelhafte Frage nach Integration überhaupt stellt.

3 Rosen gegen Grenzen
Der Weg vom Bundesasyllager Basel in Richtung Stadt führt an der Dreirosenmatte vorbei. Gerade Menschen, die auf einen Entscheid oder einen Transfer in einen anderen Kanton warten, finden hier einen sozialen Ort. Einen Ort, an dem sie Pause machen, Kontakte knüpfen und Freundschaften schliessen können. Wer sich einen Tag lang im Park aufhält und die Begegnung auf Augenhöhe sucht, wird Zeug*in dieser vielseitigen Interaktionen. Es ist zynisch und kein Zufall, dass genau die Dreirosenmatte, dieser Ort des Zwischenhalts, eine hohe Polizeidichte aufweist: Täglich finden hier rassistische Kontrollen statt und der rassistische Grundton der Gesellschaft tritt offen ans Licht. Rassismus ist aber auch subtil. Während ihm gewisse Menschen ständig ausgesetzt sind, kann ihn die Mehrheitsgesellschaft problemlos ignorieren, wenn sie möchte. Es ist deshalb wichtig, rassistische Erfahrungen und Beobachtungen nicht kleinzureden, sondern sie klar zu benennen und sich laut dagegen zu wehren.
Für zwei Tage sind wir auf der Dreirosenmatte, denn es ist an der Zeit für eine Gegenbewegung. Wir sind nicht wenige, sondern viele.
Der Park soll an diesen Tagen zu einem Ort werden, an dem sich Menschen möglichst frei von Hierarchien und Repression begegnen können. Wo wir uns kennenlernen, Erfahrungen austauschen und gemeinsam Anleitungen zum Widerstand entwerfen. Wir positionieren uns gegen Grenzen, Ausbeutung, Knäste, Verwaltung und Rassismus und kämpfen für eine solidarische Welt.

UN MONDE OU RIEN!

P.S.

Dieser Text ist Teil der mehrsprachigen Zeitung, die während der Besetzung verteilt wurde. Den gesamten Inhalt findet ihr unter www.3-rosen-gegen-grenzen.ch/wp-content/uploads/2019/06/3_Rosen_gegen_Grenzen_Zeitung_red.pdf
Falls ihr Interesse habt, die Zeitung in gedruckter Form zu erhalten, schickt uns eine Mail mit eurer Adresse an kontakt@3-rosen-gegen-grenzen.ch
Weitere Infos zur Besetzung findet ihr unter www.3-rosen-gegen-grenzen.ch